Harte Landung

Jetzt stand ich nun hier. Hier oben und blickte hinab. Und nun? Eine schwierige Entscheidung. Eine Menge Gedanken gingen mir durch den Kopf. Es war ein Spätsommertag im Jahre des Herren 1974. Deutschland war gerade das zweite Mal Fußballweltmeister geworden. Abba hatte den Grand Prix Eurovision mit Waterloo gewonnen. Ich stand zu der Zeit eher auf Suzi Quatro und leibte BTO- Ihr wisst schon die mit Ain´t the nothig Yet. Witzig, ich war gerade mal 10 Jahre alt und besuchte die 4. Klasse der Alfred Brehm Grundschule in Berlin Tegel.

Zu dieser Zeit stand was auf dem Stundenplan im Sportunterricht? Richtig! Schwimmen lernen. Nun war ich glücklicherweise schon in der Lage zu schwimmen. Mein Bruder hat es mir bei gebracht. Das war der Preis dafür, das ich mit meinem Vater segeln gehen durfte und eine eigenes Ruderboot mein eigen nennen durfte. Es gab auch noch kein Seepferdchenabzeichen. Nein, es hieß noch Frei-, Fahrten- und Jugendschwimmer. Das alles fand in Reinickendorf im Paracelsusbad statt. Ich kann mich noch gut daran erinnern. Den Freischwimmer hatte ich schnell im Sack, 15 Minuten schwimmen und einmal vom 1 Meter Brett springen. Auch beim Fahrtenschwimmer war ich gut im Rennen. Schwimmen konnte ich im Gegensatz zu heute ganz gut. Heute erinnere ich eher an eine bleiernde Ende auf Grund.

Also gut die Prüfung zum Fahrtenschwimmer. Die 30 Minuten sind vorbei, ich hätte noch mal solange schwimmen können. Jetzt sollte die Stunde der Wahrheit schlagen der Sprung vom 3 Meter Brett. Ich fand das als 10-jähriger recht hoch. Aber was soll´s. Ich wollte ja kein Feigling sein. Also schnell die Stufen erklommen und dann stand ich also am Ende des Sprungbrettes. Also Augen zu und ab nach unten. Eintauchen, auftauchen, an den Beckenrand schwimmen und geschafft. Leider nur in meinen Gedanken. Ich stand immer noch auf dem Brett, mit schlotternden Knien und blickte auf die klare und glatte Wasserfläche. Bis auf den Grund des Beckens. Das sind also schon 6 Metern. Die anderen Schüler wurden schon ungeduldig und riefen „Spring, spring, spring“. So fühlt sich also ein halbherziger Selbstmörder auf dem Dach eines Hochhauses. Nicht gerade motivierend. Wie jetzt ein kleiner Schritt für mich und ein großer Sprung für die….. Neee. Nicht mit mir.

Ich stand schon eine gefühlte halbe Stunde da oben. „Warum?“ frage ich mich „Warum muss ich um einen Schwimmschein zu machen hier runter springen? Will ich Klippenspringer in Acapulco werden oder ist das die Vorbereitung um von einer Brücke in ein unbekanntes Gewässer zu springen um dann als querschnittsgelähmter Rollstuhlfahrer zu enden? Nee!“ Als mir die Sinnlosigkeit der Aktion bewusst wurde oder anders gesagt ich hatte nun endgültig die Hosen voll, drehte ich mich um, um den Sprungturm auf dem gleichen Weg wieder zu verlassen, wie ich ihn erklommen habe. Über die Treppe.

Leider endete das Unternehmen Rückzug bereits an der zweiten oder dritten Stufe, von oben. Ich rutsche ab und beendete meinen Abstieg im freien Fall und landete Bruchteile von Sekunden später ziemlich hart auf dem Boden. Ich lag dann da mit einer Rippenprellung und in mir reifte die Erkenntnis, dass der Aufprall auf dem Wasser sicherlich nicht so schmerzhaft gewesen wäre. Trotzdem sollte es über 5 Jahre dauern, bis sich das Trauma überwand und vom drei Meter Brett sprang.

Und die Moral von der Geschichte? Man sollte seine Entscheidung wohl überdenken und rechtzeitig treffen und dann auch umsetzen. Ein Rückzug ist manchmal schädlicher als der letzte entscheidende Schritt.

Uwe Abel

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