Die Köttbullar Affäre

Es gibt kein Entkommen. Sonntag vormittag, ich habe gerade zum Extrem Couchsitting angesetzt und genieße einen Kaffee und lese Zeitung, da kommt das Unheil in verbaler Form über mich. Eigentlich hätte ich es schon ahnen müssen, als in der Radiowerbung die ersten Ankündigungen liefen. „Verkaufsoffener Sonntag“!

Das allein birgt ja noch nicht das furchtbare Grauen. Als dann aber meine Frau die Worte: “Wir waren schon lange nicht mehr bei …“     „Neiiiiiiiiiin“: denke ich noch. „……IKEA“von sich gibt. Blankes Entsetzen bei mir, sämtliche Nackenhaare stellen sich kerzengrade auf und könnten einem Fakir als Nagelbrett dienen. Was jetzt? Bloß nichts Falsches sagen. Wir brauchen keine Möbel. Meine Frau will einfach nur eins, im EG stöbern und die Kerzenabteilung plündern. Laaaaaaangweilig. Also erst mal gar nicht reagieren.

Es dauert natürlich nicht lange, da wird die Nachfrage penetranter und auch präziser. Als ich immer noch den Ignoranten spiele greift meine Frau zu Waffen, die eigentlich gegen die UN-Menschenrechtskonvention verstoßen und ethisch ziemlich fragwürdig sind. „Du kannst ja im Restaurant dann dein Köttbullar (wird übrigens Tschöttbullar ausgesprochen) essen.“ Als ob sie mich mit den Elchkötteln, Preiselbeeren, Kartoffeln und Soße bestechen könnte. Doch sie kann, ich esse die kleinen Hackfleischbällchen einfach zu gerne. „Also Schatz, fahren wir?“ Damit versetzt sie mir den Todesstoß. Ich springe auf und rufe „Mam, ja Mam sofort!“ Damit renne ich mit voller Absicht und heldenhaft in mein Verderben.

Also hin zu IKEA. Rein ins Parkhaus, rein ins Möbelhaus und auf direkt und ohne Umweg in das Restaurant, das aus unerfindlichen Gründen brechend voll ist. Aber nach gefühlten zwei Stunden anstehen  sitzen wir an einem Tisch. Ich habe ein Riesenportion Köttbullar auf dem Teller. Die größte, die man für Geld kaufen kann, für nur 6,50! Meine Frau ist natürlich schon schneller fertig und während ich noch genieße, stürzt sie sich schon ins Kerzengetümmel. Fein, ich setze auf die Verzögerungstaktik und stelle komplizierte Rechnungen an. Wie lange muss an einem Köttbullar knabbern um solange zu essen, dass mir langwierige Diskussionen um die Kerzenauswahl erspart bleiben? Klartext, wie drücke ich mich vor der Kerzenabteilung. Der Teller wird immer leerer. Das Grauen naht. Wie kann ich das nur in Zukunft verhindern? Das wird sicherlich nicht der letzte verkaufsoffene Sonntag bei IKEA sein. Mindestens zweimal im Jahr muss ich das über mich ergehen lassen. Mir wird schon fast schlecht. Ich bin ein Köttbullar Junkie, ich muss auf Entzug. Dann aus heiterem Himmel; ein Geistesblitz. Also noch gemütlich aufgegessen und los geht’s.

Wenn Ihr glaubt ich wäre jetzt brav in die Kerzenabteilung gedackelt; weit gefehlt. Ich stürmte geradewegs in den Schwedenshop und kaufte selber ein. Ich brachte die Einkäufe schnell ins Auto und freute misch schon diebisch darauf meiner Frau ein kleine Überraschung zu bereiten. Der Leser möge sich jetzt mein stattliche Statur, mit einer Taschenlampe von unten angeleuchtet vorstellen und ein fieses Muhahaha ausstoßen hören. Nach vollbrachter Tat schlendere ich dann ziemlich gut gelaunt in die Kerzenabteilung. Die war inzwischen leer geräumt und unser Einkaufswagen war dafür voll. Meine Frau schaute etwas misstrauisch ob meiner guten Laune.

Ich schaute intensiver in den Einkaufswagen oder besser ich roch hinein. Mich umfing eine intensive klebrige Wolke Apfelzimtkokospatchullitürkischmufflonananaszitronegraslemonkirschduft. Furchtbar, der Geruch macht einen total high und jeden Dealer arbeitslos. Das so was frei verkäuflich ist, uäääh! Aber ich sagte nichts. Ich war froh ohne lange Diskussion zur Kasse stürmen zu dürfen und das meine Frau sämtliche Abteilungen schon durch hatte. Auch wenn es mich wieder ein halbes Monatsgehalt kosten würde. Schnell bezahlt und raus, weg vom Ort des Grauens.

Beim Einladen ins Auto lichtete sich der Drogennebel wieder. Wieder klar denkend holte ich zum großen Finale aus, ich wartete nur auf die Steilvorlage von Madame. Die kam dann auch in Form einer neuerliche Anfrage. „ Nächsten Samstag haben die Bilderrahmen und Kissen im Super-Sonderangebot, da müssen wir hin. Köttbullar gibt´s dann für 4,50“. Ich schüttelte nur den Kopf und reichte ihr die Einkaufstüte (groß) aus dem Schwedenshop. Ein kurzer Blick meiner Frau in die Tüte und ihr Lächeln fror ein. Sie wusste, dass Sie verloren hatte. In der Tüte befand sich der Jahresbedarf an Köttbullar, tief gefroren versteht sich, Preiselbeeren und andere Indregrenzien. Damit hatten sich weitere Bestechungsversuche erledigt. Jetzt darf sie sich was neues einfallen lassen. Auf der Rückfahrt haben wir nicht viel mit einander gesprochen. Zu Haus durfte ich dann noch die Kerzen in den überquellenden Kellerschrank räumen. Dort befindet sich inzwischen ein ausreichender Vorrat an Kerzen. Mit dem könnte man bequem das finstere Mittelalter überbrücken. Okay, in Zukunft brauche ich nicht mehr zu IKEA. Dafür esse ich dann also meine selbst gemachten Köttbullar bei Kerzenlicht und alleine.

Uwe Abel

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Ein Kommentar zu “Die Köttbullar Affäre”

  1. Klasse! Man ist geradezu froh, nur der Leser dieser Story zu sein, obwohl sie sich ja ständig überall….. Ich war übrigens heute im Havelpark mit dem kostenlosen Shuttlebus – ohne Ehemann! Der wird geschont und für die Hardcore- Events aufgespart und mit mitgebrachtem Essen vom Chinesen über den Verlust von einigen Euronen hinweggetröstet. (Stiefel waren ganz frisch reingekommen!!!)

    Lese gern mehr…..!

    Bettina Flügel aus Staaken

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