Barrieren abbauen macht Schule

Falkensee  Das Ergebnis war vorauszusehen. Die Art und Weise, die Diskussion geführt wurde eher nicht. Das Hauptthema auf der SVV war die Kantschule, die neu zu beschließende Mittel für die Sanierung und die Umsetzung der Barrierefreiheit.

Ich nutzte die Einwohnerstunde um meine Meinung zum Besten zu geben. Verbunden mit einem Appell im Sinne der Menschen mit Handicap zu entscheiden. (Appell) Hier gab es die erste Überraschung für mich. Eine Stadtverordnete, Frau Sigrid Wucke unterbrach mich mit den Worten „Das ist eine Unverschämtheit“. Hat mich aber nur kurz aus dem Konzept gebracht. Auch hatte ich den Eindruck, das sie mich doch mit strengen Blick beobachtete. Es ist nicht üblich, dass sich Stadtverordnete während der Einwohnerfragestunde äußern, schon gar nicht in dieser unfreundlichen Art. Nicht gerade die feine englische Art. Es hätte mich gefreut, wenn Sie ihren Standpunkt im Rahmen der Diskussion näher erläutert hätte Hat Sie aber nicht. Etwas mehr Feingefühl hätte ich bei diesem Thema schon von der Stadtverordneten erwartet. (Diese Passage wurde nachträglich verändert. Ich hoffe, das wir jetzt zu einer sachlichen Diskussion zurückkehren können.)

Frau Boll, Lehrerin in Spandau und selbst Rollifahrerin nahm das Thema ebenfalls auf und warf dem Bürgermeister vor, dass er Behinderte in gewisser Weise aussperren würde, weil er sie nur im Erdgeschoss dulden würde. Herr Müller verwies in der Gegenargument auf bereits durchgeführt Maßnahmen an andern Gebäuden. Er griff die Frau auch mehr oder weniger direkt an. Er hätte von Dritten gehört, wie sie sich negativ über ihn äußere. Herr Müller bezichtigte sie der Lüge. Selbst wenn dem so ist, war diese Bemerkung unnötig.

Erst einmal stand aber die Planänderung bzgl. der Sanierung, Um- und Ausbau der Kantschule A+B auf dem Plan. Im Klartext es sollen 1,15 Millionen mehr in den Haushalt eingestellt werden. Das wurde dann mit einer Enthaltung beschlossen. Das Problem, das viele mit dem Thema hatten: Die Zahlen sind nicht klar unterlegt. Anscheinend handelt es sich erst mal um eine Schätzung, weil die genaue Planung noch nicht abgeschlossen ist. Vermutlich ist mit weiteren Mehrkosten zu rechnen. Grundsätzlich ist bei einer Sanierung immer mit nicht planbaren Kosten zu rechnen. Trotzdem muss man sich fragen warum viele Sachen nicht schon im Vorfeld geklärt worden sind. Zum Beispiel hätte eine Beprobung des Linoleums schon vorher Gewissheit gebracht, dass er entfernt werden muss und Sondermüll ist. Auch das die elektrischen Leitungen, nicht den Brandschutzbestimmungen entsprechen hätte ein Fachplaner eigentlich wissen müssen. Was ist da falsch gelaufen? Wir haben aber auch feststellen müssen, dass anscheinend die Umsetzung einer maximalen Barrierefreiheit nicht intensiv oder gar nicht geprüft wurde und damit wären wir bei dem Antrag der Grünen zur Herstellung der Barrierefreiheit bei der Sanierung der Kantschule.

Die lange Diskussion zu diesem Punkt wurde teilweise leidenschaftlich geführt. Aus Sicht einiger Abgeordneten war er Antrag nicht genau formuliert und nicht realistisch. Herr Müller wie darauf hin, das z.B. in der jetzigen Bauphase der Einbau eines Fahrstuhles zu massiven Problemen  führen würde, da unter anderem die Rettungswege neu beschrieben werden müssen. Herr Müller wehrt sich gegen die Behauptung, es würde nichts für Menschen mit Handicap getan und verwies auf vergangene Projekte. Vermutlich wurde hier aber auch nur das mindeste getan. Ausruhen auf vergangene Taten kann und darf kein Argument sein. Genauso wenig wie mangelnde finanzielle Mittel. Herr Müller sprach davon, das was wünschenswert ist  und das Machbare, nicht vereinbar seien. Natürlich ist es einleuchtend, das bei einem Altbau nicht für alle Barrierefreiheit möglich ist. Aber der Antrag der Grünen bezog sich in der Tat auf das Machbare. Nämlich die Erreichbarkeit aller wichtigen Räumlichkeiten für Gehbehinderte.

Herr Andreas Retschlag (CDU) sprach sich dafür aus, die Möglichkeiten einer barrierefreien Gestaltung zu prüfen und verwies darauf, dass man sich in der SVV seinerzeit z.B. beim Sportplatz für die Kantschule viel leichter getan hat Gelder zu bewilligen. Immerhin sind alle wichtigen Räum im A/B Teil nach dem Umbau für Gehbehinderte zu erreichen weil sie im Erdgeschoss liegen werden. Das Problem ist auch eher der Gebäudeteil C. Die Fachkabinette sind dort nicht erreichbar, falls man auf einen Rollstuhl angewiesen ist, so Herr Krause (Die Linke) er auch Lehrer an der Kantschule ist. Für den Gebäudeteil C liegt aber auch noch keine Planung vor, hier wäre also noch Luft um etwas für die Barrierefreiheit zu tun. Herr Kunz von den Linken verwies darauf, dass eine barrierefreie Bauweise der neue Standard ist und damit eine Selbstverständlichkeit. Der Antrag von ihm, die Angelegenheit noch einmal in den Ausschuss zu prüfen und zu präzisieren wurde abgelehnt. Frau Nonnemacher war bereit den Antrag als Prüfauftrag zu formulieren, wohl wissend, das für Herrn Müller das Ergebnis einer Prüfung vermutlich schon feststeht. Weitere Kompromisse wollte man nicht eingehen. Daher wurde der Antrag mit den Stimmen der CDU und SPD abgelehnt. Die CDU wird zur nächsten SVV einen eigenen Antrag zum Thema einbringen. So hat es den Anschein als hätte es an dem Abend nur Verlierer gegeben. Die Rollstuhlfahrer, die noch lange Zeit darauf warten müssen die Kantschule vollständig nutzen zu können, Herr Müller und die SPD/CDU, Koalition, die bei vielen den Anschein erwecken, als hätte sie nicht genug Verständnis für Menschen mit Handicap und deren Probleme und die Grünen, die anscheinend mit Ihrem Antrag gescheitert sind. Obwohl, ohne den Antrag hätte es kein Nachdenken oder Überdenken der Situation gegeben. Vielleicht besteht noch Hoffnung auf eine Kantschule, die zumindest teilweise barrierefrei wird.

Noch mal zusammengefasst:

Der Antrag und die Diskussion wären nicht erforderlich gewesen, wenn man sich im Vorfeld mehr um die Belange der Behinderten gekümmert hätte, die Machbarkeit geprüft und ein Maximum an Barrierefreiheit umgesetzt hätte.

Jetzt im Bauteil A/B noch einen Fahrstuhl oder andere Maßnahmen durchzuführen, würde vermutlich eine neue Baugenehmigung erforderlich machen, was einem Baustopp bedeuten würde. Viele Stadtverordnete und auch er Bürgermeister müssen erkennen, das Barrierefreies Bauen Standard ist und somit eine große Verpflichtung ist.

Was bleibt ist ein Kompromiss, mit dem wir vermutlich leben müssen. Wir müssen aber unbedingt am Ball bleiben damit der Gebäudeteil C barrierefrei geplant wird.

Übrigens auch die Mark online berichtet darüber. Der Text ist trotz einiger sachlicher Fehler lesenswert. Artikel

Uwe Abel

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6 Kommentare zu „Barrieren abbauen macht Schule“

  1. Da Vergeben ein sehr christliche Eigenschaft ist und ich nicht nachtragend bin, habe ich aus dem Artikel etwas „Emotion“ heraus genommen. Der Kommentar von Herrn Gunkel verliert dadurch natürlich etwas an Sinn.

    Uwe Abel

  2. Lieber Uwe, natürlich freue ich mich über Unterstützung in den aktuellen Konflikten. Aber was Du hier machst, ist nicht hilfreich. Ich habe gestern im Bildungsausschuss Frau Wucke getroffen. Sie ist sehr verletzt. Ich finde nicht in Ordnung, wie du sie angehst. Erstens ist nicht richtig, dass Frau Wucke „fast nie etwas sagt“. Sie ist im Bildungsausschuss sehr aktiv und spricht auch in der SVV, wenn es um ihr Aufgabenfeld Bildung, Kultur, Soziales geht. Schlimmer ist – zweitens – der Satz: „Gerade von ihr als Christin hätte ich etwas mehr Mitgefühl für Menschen mit Behinderung erwartet. Manche würden hier von mangelnder sozialer Kompetenz sprechen.“ Ich bin sicherlich anderer Meinung als Frau Wucke und die CDU, was die Bewertung der Inklusion betrifft. Und ich habe auch schon öffentlich gesagt, dass in meiner Sicht die Grundidee der Inklusion besonders gut zum christlichen Menschenbild passt. Ich führe das gleich noch aus. Aber es geht wirklich nicht an, jemandem, der in dieser pädagogischen Frage eine andere Einschätzung hat, das Mitgefühl für Menschen mit Behinderung abzusprechen. Auch für das Urteil mangelnder sozialer Kompetenz gilt das.
    Ich habe als Student jahrelang behinderte Kinder mit einem Schulbus ins Göttinger Christopherus-Haus gefahren. Das war eine große und für die damalige Zeit wirklich vorbildliche Einrichtung für Kinder und junge Menschen mit Behinderung, eine Förderschule. Förderung und das Eingehen auf die jeweiligen Defizite hat man dort sehr ernst genommen und mit hoher professioneller Kompetenz daran gearbeitet. Großartig war die Einrichtung auch darin, Geborgenheit zu vermitteln. Es war wie ein Nest. Dass man heute die Trennung von der „nicht-behinderten“ Welt kritisch sieht, ist eine andere Sache. Es wird an Konzepten der Inklusion gearbeitet, um diese Trennung zu überwinden. Aber diese Ansätze müssen dann erst noch nachweisen, dass sie die gleiche oder bessere Qualität erreichen und für die Menschen zu einem besseren Leben führen. Das muss sich erst noch erweisen.
    Völlig verfehlt ist es aber, jemandem, der das Konzept der Förderschulen (noch) vertritt, die Lauterkeit der Motive abzusprechen. Das fällt auf den zurück, der es tut.
    Warum passt die Inklusion besonders gut zum christlichen Menschenbild? Die UN-Behindertenrechtskonvention (BRK) geht nicht von Behin­derung als Defizit aus, sondern legt ein Verständnis von Behinderung zugrunde, bei dem Behinderung als Bestandteil menschlichen Lebens und menschlicher Gesellschaft bejaht und darüber hinaus als Quelle möglicher kultureller Bereicherung wertgeschätzt wird (Art. 3 lit. d BRK, „diversity“-Ansatz). Mit Inklusion ist die volle und wirksame Teilhabe an der Gesell­schaft und die Einbeziehung in die Gesellschaft gemeint (Art. 3 lit. c BRK). Du kennst vielleicht im Lukasevangelium die Verse 12-14 im Kapitel 5? Bitte, wir diskutieren jetzt nicht, ob der Meister das wirklich gekonnt hat, Wunderheilungen. Aber folgendes und zwei Beobachtungen am Text: „aussätzig“ zu sein bedeutet Lepra, in Zeiten ohne moderne Medizin wegen der Ansteckung gab es nur die Möglichkeit der Isolation. Die Menschen wurden aus dem Dorf ausgeschossen. Jetzt die Beobachtungen. Die Heilung geschieht durch Berührung, Zuwendung, das Überschreiten der Grenze der Aussonderung. Die andere Beobachtung ist, dass der Mann sich den Priestern zeigen soll; die waren berechtigt festzustellen, dass jemand wieder „rein“ war und wieder ins Dorf, in die Gemeinschaft aufgenommen werden konnte. Dies Stück spricht von dem Wunsch, dass selbst die nicht mehr ausgeschlossen blieben, die es wegen der Ansteckungsgefahr waren und sein mussten.
    Oder kennst Du 1. Korinther 12? Ein Leib und viele Glieder. Da wird von der Unterschiedlichkeit und Vielfältigkeit als Bereicherung der Gemeinde geschwärmt. Wir dürfen in der heutigen Interpretation sicherlich davon ausgehen, dass hier die christliche Gemeinde als „prototypisch“ für die ganze Gesellschaft verstanden werden kann, meinetwegen als „vorbildlich“.
    Man kann auch allgemeiner formulieren: vor Gott sind alle Menschen gleich wertvoll, gleich geschätzt, alle eingeschlossen in seine Zuwendung und Liebe. Eigenschaften, Leistung, Erfüllung irgendwelcher Normen spielt dabei keine Rolle. Deswegen verdienen sie auch alle gleichermaßen unsere Zuwendung, auch und gerade, wenn sie Schwächen und Defizite haben. Aber wie das pädagogisch oder therapeutisch oder medizinisch oder wie auch immer am besten gemacht wird, das ist nicht „christlich“ festgelegt oder feststellbar. Darüber muss therapeutisch oder pädagogisch oder schulorganisatorisch gestritten werden – und das machen wir auch.

    Gerd Gunkel

    p.s. Das kannst Du auch gern als Beitrag in dein Blog einstellen.

    1. Wenn Frau Wucke sich für Ihren Zwischenruf entschuldigt, bin ich gerne bereit meinen Bericht zu korrigieren. Tut mir leid, dieser Einwurf ist bisher das Einzigste, was mir von Frau Wucke in Erinnerung bleibt.

      Uwe Abel

  3. Arrogant und dumm ist es von den Verantwortlichen, sich nicht rückhaltslos für die Barrierefreiheit an der Kantschule einzusetzen. Es kann kein Mensch ahnen, in welche Lage er einmal kommt und für jegliche Art von Barrierefreiheit in öffentlichen Gebäuden dankbar sein muss…Für unchristliches Verhalten von „Maulchristen“ gibt es den berühmten Satz: „Gottes Mühlen mahlen langsam, aber gerecht“.

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