Selbstversuch: Zusteller

Ich hatte ja neulich schon hier über die Ausbeutung der Zusteller von Werbezeitungen berichtet.

Jetzt habe ich mich zu einem Selbstversuch entschlossen. Ich bin heute mit einem Zusteller mitgegangen, bzw. habe die Arbeit übernommen. Die Zeitungen in diesem Fall der Tip von der Kaufland Kaufland GmbH in Dallgow waren schon vorsortiert. Viele Beilagen waren nicht enthalten. Trotzdem der „Hackenporsche“ und der Rucksack waren schwer. Beides habe ich mir geschnappt und wir haben uns auf den Weg gemacht. Über 300 Zeitungen mussten wir verteilen.

Das ganze entwickelte sich sehr schnell zum Survivaltraining. Teilweise Schnee und riesige Pfützen erschwerten die Tour. Es war teilweise sehr glatt. Für einen Stundenlohn von 2€ die Knochen riskieren. Ist schon heftig. Dazu noch den schweren Wagen durch den Schnee und aufgeweichten Boden ziehen. Ich kühle gerade die Blasen an meiner Hand. Alle meine Knochen schmerzen.

Dank meiner fachkundigen Begleitung, die schon jeden Briefkasten kennt, konnte ich mir einige unnötige Wege sparen. „Da brauchste nicht hin, die wollen keine Werbung“. Der Aufkleber springt mir öfter ins Auge. „Keine Werbung“. Hey, was soll das? Die wollen wohl nicht, das ich Geld verdiene. Kann ich aber verstehen, wenn ich so manchen überquellenden Briefkasten sehe. Das steckt sogar noch der Preußenspiegel von Mittwoch drin. Sind wohl im Urlaub. Schade, die Leute haben anscheinend keine Angehörigen oder Freunde, die mal nach der Post sehen. Da fühlt man sich als Einbrecher doch schon eingeladen.

Briefkasten sind sowieso spannend. Die meisten sind eigentlich zu klein. Die Zeitung passt nur sehr gequetscht rein. Das kostet Zeit. Einige sind aber auch sehr schön und leicht zu bestücken. Man beobachte viel, wenn man unterwegs ist. Trotzdem die meiste Zeit konzentriere ich mich darauf nicht zu stürzen oder meinen Hackenporsche sauber und ohne umkippen durch Schnee, Matsch und Eis zu zerren.

Das nächste Highlight. Ich treffe beim Verteilen Nachbarn, die mich vom sehen her kennen. „Ach, Sie verteilen jetzt Zeitung“. Ich werde taxiert, habe ja olle Klamotten an. Ein mitleidiger Blick begleitet mich beim Abschied.

Nach knapp vier Stunden ist es geschafft, die letzte Zeitung ist verteilt. Ich bin fix und fertig. Das alles für einen Stundenlohn von etwas über zwei Euro. Warum? Nein Hartz IV will er nicht beantragen. Das Geld reicht aber nicht, trotz eines festen Jobs.

Das ist eine große Ungerechtigkeit. Wie kann es sein, das jemand der nicht arbeiten geht, besser von Hartz IV lebt als jemand der arbeiten geht und noch einen Zusatzjob macht.

Die Antwort ist einfach. Es muss ein Grundeinkommen sicher gestellt werden, wovon ein Arbeitnehmer leben kann. Im Fall des „Tip“, Herausgeber ist die Kaufland Warenhandel GmbH & Co KG finde ich diese Form der Ausbeutung besonders heftig. Gerade diejenigen, die dafür sorgen, dass die Werbung beim Verbraucher ankommt werden am schlechtesten bezahlt. Da verdient nicht nur Kaufland Warenhandel dran, im Jahr 2008 hatte Kaufland einen Umsatz von 10725 Millionen,sondern auch noch die Drucker und die Firma, die das Verteilen organisiert. Eigentlich müsste man Kaufland boykottieren, dass ist ja Entwicklungslandniveau. Zusteller von Wochenzeitungen und anderer Werbung bekommen auch nicht viel mehr. Aber so wenig, wie die Tip Zusteller bekommen, bekommt keiner. Ich werde mal versuchen meinen Zusteller einen besser bezahlten Job zu besorgen.

Vielleicht denkt der eine oder andere Leser ja mal an den Artikel, wenn er das nächste Mal Werbung aus dem Briefkasten holt. Ihr könnt ja vielleicht auch mal etwas für eure Zusteller machen und wenn es nur ein leicht zugänglicher Briefkasten ist.

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Ein Gedanke zu „Selbstversuch: Zusteller“

  1. Wie???
    2€???
    Es gibt die „tolle“ Teamkultur???
    Mindestlohn 8,50€ die Stunde für ausnahmslos JEDEN Mitarbeiter???

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